Körperorientierte Traumatherapie
Entwicklungs-, Bindungs- und Schocktrauma
Somatic Experiencing ist ein psychotherapeutisches Verfahren zur Behandlung von Traumata und traumatisierenden Erfahrungen. Ein Trauma kann durch einmalige oder länger andauernde Ereignisse entstehen, in denen ein Mensch in der frühen Kindheit, Jugendalter oder als Erwachsener seelisch, körperlich oder emotional überwältigt und beschädigt wurde.
Einzelfalltraumata entstehen durch ein einmalig traumatisierendes Ereignis, wie zum Beispiel ein Unfall, Gewaltangriff. Komplexe Traumata beschreiben das Erleben von immer wieder auftretenden traumatischen Ereignissen, die zwischenmenschlicher Natur sind. Darunter fallen zum Beispiel sexueller oder emotionaler Missbrauch, psychische sowie körperliche Gewalt und emotionale Vernachlässigung.
Traumata, die von wichtigen Bezugspersonen verursacht wurden (Elternteil, Familienangehörige, Partner*in), können zu tiefgreifenden Verletzungen und Beeinträchtigungen führen. Solche Traumata können dazu führen, dass eine Person kein grundlegendes Sicherheitsgefühl erlebt, den eigenen Selbstwert infrage stellt und ein Gefühl der Sinnlosigkeit gegenüber dem eigenen Leben empfindet.
Wenn wir einem stressvollen Ereignis ausgesetzt sind, aktiviert unser Nervensystem automatisch Schutz-und Überlebensreaktionen, damit wir die Situation bewältigen können. Ist das Ereignis überstanden, kehrt unser Nervensystem wieder in den ruhigen und sicheren Zustand, in dem wir entspannt und sicher sein können. Nach Somatic-Experiencing entsteht ein Trauma dann, wenn unser Nervensystem von einem oder mehreren traumatischen Ereignissen überwältigt wird, durcheinandergerät und der ruhige und sichere Zustand nicht wiederhergestellt werden kann. Wenn das unbehandelt bleibt, kann unser Nervensystem in einem anhaltenden Stresszustand bleiben. Dieser anhaltende Stresszustand kann sich durch eine immer wieder auftretende plötzliche Aktivierung unseres Nervensystems zeigen (z.B. Panikattacken, Wut- oder Weinanfälle, Schmerzen etc.).
Es kann aber auch zum „Normalzustand“ unseres Nervensystems werden: unsere Reaktionen auf alltägliche Situationen werden so gesteuert und bestimmt, als würden wir uns weiterhin in dem traumatischen Ereignisbefinden. Das kann dazu führen, dass die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, zu regulieren und auszuhalten, beeinträchtigt wird. Außerdem kann es zu einem negativen Selbstbild führen und die Art und Weise, wie wir mit der Umwelt und in Beziehungen interagieren, einschränken.
Solche und andere Folgen eines Traumas stehen bei Somatic Experiencing im Mittelpunkt der Therapie. Da diese Folgen von der eigenen Persönlichkeit, dem Hintergrund und den Lebensumständen bestimmt sind, äußern sie sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Sie sind oft auch nicht gleich als Traumafolgen zu erkennen. In Somatic Experiencing wird zunächst gemeinsam daran gearbeitet, den Folgen eines Traumas näher zu kommen und sie als solche zu erkennen. Sie zu akzeptieren bedeutet gleichzeitig auch, zu lernen, dass sie veränderbar und sogar auflösbar sind. In einer SE Sitzung wird nicht direkt an den traumatischen Ereignissen gearbeitet, um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Die Arbeit an den Folgen eines Traumas findet in kleinen Schritten statt, um auftretende belastende Emotionen tragen und aushalten zu können. Der geschützte Raum und die Sicherheit durch das therapeutische Setting tragen dazu bei, sich dem anhaltenden Stresszustand des Nervensystems anzunähern. Gemeinsam wird belastendes Material neu verhandelt, sodass man davon nicht überwältigt wird, sondern die Erfahrung macht, es bewältigen zu können. Es werden Ressourcen aktiviert und neu geschaffen, um Reaktionen und Impulse, die im Nervensystem aufgrund des Traumas automatisch hervorgerufen werden, zu lindern oder gar aufzulösen.
Die Arbeit ist prozessorientiert. In diesem Prozess gilt es, langsam und behutsam zu arbeiten, um unser Nervensystem nicht zu überwältigen und neue Strategien und Ressourcen zu etablieren. Je nach Trauma, Person und Lebensumständen kann der Prozess mit der Arbeit von Somatic Experiencing unterschiedlich lange dauern.
In der Neuroaffektiven Psychotherapie werden wissenschaftliche Forschungen der Entwicklungsstadien von Gehirn und Nervensystem im frühkindlichen Alter mit Bindungspsychologie und Forschungen zu Bindungstrauma verknüpft. Die Neuroaffektive Psychologie betrachtet die Entwicklung der Persönlichkeit anhand der Entwicklung dreier Nervensysteme bzw. Gehirnbereiche: das autonome Nervensystem (das sogenannte Reptiliengehirn), das für Impulse zuständig ist; das emotionale Nervensystem (lymbisches System), das für Emotionen verantwortlich ist und das kognitive Nervensystem (Frontaler Cortex), das Denken und Reflektieren ermöglicht. Die Entwicklung der drei Bereiche erfolgt zunächst weitgehend unabhängig voneinander, doch die neuroaffektive Psychologie betrachtet, wie sich die Entwicklungen gegenseitig beeinflussen und wie traumatische Ereignisse ggf. Beeinträchtigungen hinterlassen und das weitere Wachstum formen. So schafft die Neuroaffektive Psychologie eine Landkarte, die eine Orientierung bietet, wie Bestandteile unserer Persönlichkeit in der Zusammenarbeit dieser drei Bereiche Ausdruck finden: die Wahrnehmung unserer Umwelt, unserer Beziehungen und von uns selbst, unser Umgang mit Emotionen und Gefühlen, sowie das Wahrnehmen von Impulsen und Bedürfnissen.
Erfahrungen, insbesondere aus der frühen Kindheit mit den primären Bezugspersonen, beeinflussen nicht nur die Entwicklung sondern auch die Art, wie Impulse, Emotionen und Gedanken miteinander verbunden sind und korrelieren. Wenn Beeinträchtigungen entstehen, werden sie das weitere Wachstum des betroffenen Bereichs entsprechend formen und anpassen – in anderen Worten: Das Kind, das von der Fürsorge und Liebe seiner Bezugspersonen abhängig ist, lernt, sich in den traumatisierenden Verhältnissen zurecht zu finden. Nicht nur sein Verhalten passt sich an, sondern auch seine Nervensysteme: seine Impulse, Emotionen und Gedanken. Solche Verletzungen können sich weniger als Neurosen äußern sondern vielmehr als Traumafolgen, die als Entwicklungs- bzw. Bindungstrauma verstanden werden.
Entwicklungs- bzw. Bindungstraumafolgen sind nicht leicht zu bemerken. Sie sind verborgen hinter der Anpassung und Kompensation, die die Person während der Kindheit entwickelt hat, um überleben zu können und sich geliebt und sicher zu fühlen. Für die Person fühlt es sich weniger als eine Kompensation und Anpassung an, sondern vielmehr als ihre Identität und Realität.
Die neuroaffektive Psychotherapie in der Kombination mit der Behandlung von Traumafolgen nach Somatic-Experiencing bietet eine ganzheitliche therapeutische Begleitung an, die es ermöglicht, Folgen eines Entwicklungstraumas näher zu kommen und als solche zu behandeln. Das Ziel dabei ist, dass sich neue neuronale Verbindungen und Vernetzungen bilden. Diese ermöglichen eine neue Kooperation und Eingliederung zwischen Emotionen, Wahrnehmungen und Impulsen.