In der Neuroaffektiven Psychotherapie werden wissenschaftliche Forschungen der Entwicklungsstadien von Gehirn und Nervensystem im frühkindlichen Alter mit Bindungspsychologie und Forschungen zu Bindungstrauma verknüpft. Die Neuroaffektive Psychologie betrachtet die Entwicklung der Persönlichkeit anhand der Entwicklung dreier Nervensysteme bzw. Gehirnbereiche: das autonome Nervensystem (das sogenannte Reptiliengehirn), das für Impulse zuständig ist; das emotionale Nervensystem (lymbisches System), das für Emotionen verantwortlich ist und das kognitive Nervensystem (Frontaler Cortex), das Denken und Reflektieren ermöglicht. Die Entwicklung der drei Bereiche erfolgt zunächst weitgehend unabhängig voneinander, doch die neuroaffektive Psychologie betrachtet, wie sich die Entwicklungen gegenseitig beeinflussen und wie traumatische Ereignisse ggf. Beeinträchtigungen hinterlassen und das weitere Wachstum formen. So schafft die Neuroaffektive Psychologie eine Landkarte, die eine Orientierung bietet, wie Bestandteile unserer Persönlichkeit in der Zusammenarbeit dieser drei Bereiche Ausdruck finden: die Wahrnehmung unserer Umwelt, unserer Beziehungen und von uns selbst, unser Umgang mit Emotionen und Gefühlen, sowie das Wahrnehmen von Impulsen und Bedürfnissen.

Erfahrungen, insbesondere aus der frühen Kindheit mit den primären Bezugspersonen, beeinflussen nicht nur die Entwicklung sondern auch die Art, wie Impulse, Emotionen und Gedanken miteinander verbunden sind und korrelieren. Wenn Beeinträchtigungen entstehen, werden sie das weitere Wachstum des betroffenen Bereichs entsprechend formen und anpassen – in anderen Worten: Das Kind, das von der Fürsorge und Liebe seiner Bezugspersonen abhängig ist, lernt, sich in den traumatisierenden Verhältnissen zurecht zu finden. Nicht nur sein Verhalten passt sich an, sondern auch seine Nervensysteme: seine Impulse, Emotionen und Gedanken. Solche Verletzungen können sich weniger als Neurosen äußern sondern vielmehr als Traumafolgen, die als Entwicklungs- bzw. Bindungstrauma verstanden werden.

Entwicklungs- bzw. Bindungstraumafolgen sind nicht leicht zu bemerken. Sie sind verborgen hinter der Anpassung und Kompensation, die die Person während der Kindheit entwickelt hat, um überleben zu können und sich geliebt und sicher zu fühlen. Für die Person fühlt es sich weniger als eine Kompensation und Anpassung an, sondern vielmehr als ihre Identität und Realität.

Die neuroaffektive Psychotherapie in der Kombination mit der Behandlung von Traumafolgen nach Somatic-Experiencing bietet eine ganzheitliche therapeutische Begleitung an, die es ermöglicht, Folgen eines Entwicklungstraumas näher zu kommen und als solche zu behandeln. Das Ziel dabei ist, dass sich neue neuronale Verbindungen und Vernetzungen bilden. Diese ermöglichen eine neue Kooperation und Eingliederung zwischen Emotionen, Wahrnehmungen und Impulsen.